Ausstellung „Rechter Terror in Hessen“

Am 15. und 16. Juni 2026 fand im kleinen Saal im Bürgerhaus Rodheim eine beeindruckende, erschreckende und mit 88 Besuchern nur mäßig frequentierte Ausstellung über Terrorakte in Hessen seit dem 2. Weltkrieg statt. Am Mittwoch zieht die lohnenswerte Ausstellung nach Krofdorf weiter, wo dann immerhin Schulklassen der Gleiberger Gesamtschule kommen wollen. Ich lade Sie hier zu einem kleinen, stillen Rundgang ein:

Das erste Plakat: 1951 macht sich die erste rechtsterroristische Gruppe aus ehemaligen SS und Wehrmachtsangehörigen im Odenwald bereit und nimmt den selben Personenkreis ins Visier, der 1933 von den Nazis in Gefängnisse und KZs geschickt wurde.
In den 1980er Jahren gab es mehrere Anschläge. Am bekanntesten ist ein Anschlag auf dem Münchner Oktoberfest, bei dem 13 Menschen getötet und 221 verletzt wurden.
1982 wurde in Darmstadt ein Anschlag gegen zwei Roma-Familien verübt.
1989 bekämpfte man die SPD mit Brandanschlägen auf ihre Büros.
1992 wurde eine Familie aus Sri Lanka bei einem Brandanschlag getötet.
1992 wurde ein kurdischer Imam Opfer eins Messerangriffs. Täter war Stephan Ernst, der noch weitere Taten zu verantworten hatte. Er wurde auch zum Mörder des nordhessischen Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Jahr 2015.
1994 in Darmstadt: Ein türkischer Familienvater wird vor den Augen seiner Töchter vom rechstradikalen Nachbarn erschossen.
1996 wurde in Frankfurt eine Überlebende der Shoa mit einem gezielten Kopfschuss getötet.
2006 geschah der letzte von neun NSU-Morden an dem türkischen Gastronom Halil Yozgat in Kassel. Bemerkenswert an dieesem Fall: Er wurde als erster seit 1945 von den Gerichten als rechtsterroristischer Mord anerkannt.
2008 Brutaler Angriff auf Teilnehmer eines antifaschistischen Camps am Edersee.
2009/10 Angriffe auf politsche Gegner im AK44 in Gießen und auf ein Haus in Wetzlar.
2014 in Limburg Tod eines Asylanten aus Ruanda in einem Obdachlosenasyl.

Der Mord an Walter Lübcke 2019 zeigt, dass es jeden treffen kann, der sich gegen rechte Ideologie stellt. Regierungspräsident Walter Lübcke, CDU, war weder links noch jüdischen Glaubens und Asylant war er auch nicht.

Seitdem gab es weitere Fälle in Hessen
2019 in Taunusstein Jagd auf MigrantInnen
2019 in Wächtersbach ein Mordversuch.
2020 folgte der schwerste Anschlag Hessens in Hanau mit 9 Toten und 6 Schwerstverletzten türkischer Herfkunft.
2020 in Kassel: Ein Gast in einem Taxi verweigerte die Zahlung. Stattdessen schoss er auf den türkischen Fahrer, der schwerverletzt und arbeitsunfähig überlebt.

Viele Morde wurden bisher von den Gerichten nicht als politisch motiviert anerkannt. Damit befinden sie sich leider in der Gesellschaft der meisten Richter in den 1950er bis 1970er Jahren. Bertold Brecht schrieb im finnischen Exil „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Es bezog sich damals auf Adolf Hitler. – Der Schuss auf den türkischen Familienvater 1994 in Darmstadt wurde 2023 von der Darmstädter Stadtverordnetenversammlung als politisch motiviert anerkannt. Auf Landes- und Bundesebene fehlen solche Anerkennungen bis heute in fast allen Fällen. (Ev. Renell)


Alfons fügt in Erweiterung dieser Ausstellungsgedanken noch einige Aspekte aus der >Neuen Züricher Zeitung<, „Der andere Blick am Morgen“ vom 17.6.26 hinzu. Morten Freidel, stellv. Chefredakteuer der NNZ Deutschland, schreibt da: Jeder Jude, der in Deutschland lebt, ist für das Land ein Glücksfall. Sie alle sind der lebende Beweis dafür, dass die Nachfahren der Opfer des Holocaust und die Nachfahren der Täter heute in Frieden miteinander leben können. Sie sind aber auch Seismografen gesellschaftlicher Erschütterungen. Nur sie können Auskunft darüber geben, wie sich der grassierende Antisemitismus im Alltag auswirkt und ob jüdisches Leben noch möglich ist. Wenn sie etwas sagen, sollte man zuhören. (Hervorhebung Lindemann)
Leider halten sich viele Deutsche immer häufiger die Ohren zu. (Die Folge solcher Abkapselung ist, dass einem die Welt außerhalb der eigenen In-group bedrohlich-feindlich erscheint (Harmut Rosa) und zum Schutz des eigenen Weltbildes ausgeschlossen, remigriert = deportiert oder vernichtet werden muss.)

Beispielhaft schildert Freidel, dass jüdische Redner*innen bei Veranstaltungen ausgeladen werden.
z.B. die jüdische Autorin Mirna Funk, die eigentlich anlässlich des Philosophiefestivals phil. Cologne sprechen wollte. Kurz vor dem Termin sagte der künstlerische Leiter ihr ab. Gegenüber dem „Kölner Stadtanzeiger“ begründete er das damit, dass Funk pauschalisierte und sich gegenüber bestimmten Menschengruppen diskriminierend äußere. Als Beispiel nannte er eine Kolumne in der „Welt“. Darin hatte sich geschrieben, dass die größte Gefahr für die jüdische Community aktuell von den in Deutschland lebenden Arabern, Türken und ihren deutschen Sympathisanten ausgehe.
Natürlich dürfe Funk ihre Meinung sagen, aber dennoch dreht man ihr das Mikro ab.
Der Vorgang (nicht der einzige) an sich ist für ein Land, das es mit der Aufarbeitung seiner Vergangenheit ernst nimmt, schlimm genug.
Mindestens ebenso irritierend ist die Begründung des künstlerischen Leiters. Denn Mirna Funk wollte in Köln über Macht und Schönheit diskutieren; dabei wäre es wohl kaum um die Schattenseiten ungeregelter Migration gegangen. Es war offenbar schon Funks Anwesenheit, die man auf der Bühne nicht ertragen konnte.
Hinzu kommt: Mira Funk hatte mit ihren Äußerungen in ihrer Kolumne recht. Das war nicht ihre privat Meinung, sondern Fakten – nachzulesen in der jüngsten Statistik über politisch motivierte Kriminalität des Bundeskriminalamtes: Die Zahl antisemitischer Straftaten erreichten im Jahr 2025 einen Höchststand, am stärksten stieg sie im Bereich der „ausländischen Ideologie“. Dabei sind studentische Irrläufer von links und Islamisten mittlerweile eine unheilige Allianz eingegangen, wie man auf Palästinademos in Berlin gut sehen kann.

Am Ende macht es wenig Sinn, den Terror von Rechts oder Links oder aus dem islamistischen Lager für schlimmer zu halten. Schlimm, so scheint mir, ist, dass wir einander immer weniger zuhören, auch im persönlichen Alltag immer weniger direkt kommunizieren, uns immer seltener kontroversen Diskussionen stellen, Ambivalenzen und Differenzen aushalten und uns immer weniger berühren, anrühren, irritieren lassen, weniger resonant, betroffen Antworten und kaum noch zu Veränderungen der Perspektive und Haltung fähig scheinen. Und dennoch sind in komplexen Prozessen immer wieder Überraschungen möglich, die sich aus der letztendlichen Unverfügbarkeit der Welt ergeben.

Fotos: Lindemann, 1 Renell

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